andrea witzmann

Analysieren wir den Zustand des Rausches im allgemeinen, so zeigt dieser sich als ein mehrphasiges Modell der Annräherung an einen Schwebezustand - Schweben als Gefühl der Enthobenheit profaner Verpflichtungen; Schweben aber auch als ein zeitliches Empfinden des Noch-nicht-Seins zu einem Gerade-noch-Sein, einem intensiven Selbst-Erlebnis, abgekoppelt vom "Hier" oder abgekoppelt vom "Jetzt" - vielleicht liegt darin der magische Moment: den Niederungen des "Hier und Jetzt" entschlüpft zu sein. So selten ein beglückendes Rauscherlebnis eintritt, so häufig wird versucht, diesen Zustand herbeizuführen, die Umstände der Hinbewegung auf den Höhepunkt zu simulieren, zu imitieren oder schlichtweg aus dem Kontinuum eines zeitlichen Ablaufs heraus eine Permanenz der Vorfreude zu installieren. In Erwartungshaltung. In der Redundanz der seriellen Absicherung dessen, das schon einmal, zweimal den richtigen Weg zum Ziel gewiesen hat; im präzisen Aufbau und im Evidenz halten möglicher Erfülltheiten. So verlagert sich der große Rausch des Losgelöstseins in die vielen kleinen Räusche der Repetition, der Nachahmung, des Festhalten Wollens und Fixierens. (Role Models dieser Verfasstheiten finden sich allerorten, sind variantenreich und gar nicht krisenanfrällig.) Die Wiederholung und das Beständige sind so Voraussetzung und zugleich Nachwirkung des Ausnahmezustandes. Die Wiederholung und das Beständige sind das Bettgestell und die Matratze unseres Alltagslebens, und genau hierauf richtet Andrea Witzmann ihr Augenmerk: auf jene Rahmenbedingungen, innerhalb derer wir auf das große Rauscherlebnis zusteuern oder auf jene Hüllen, die wir gleich Schlangen nach der Häutung abstreifen und anstandslos zurücklassen. (Wir selbst sind noch oder schon woanders, aber vieles deutet auf unser Kommen und Gehen.)

When we analyze the state of intoxication in general, it appears as a multiphase model of an approach toward the state of suspension, whereby suspension is a feeling of absolution from mundane responsibilities. But suspension is also a temporal sensation of not-yet-being to still-barely-being, an intense experience of self uncoupled from 'here' and uncoupled from 'now' - which is perhaps where the magical moment is found, in slipping away from the depths of the 'here' and 'now'. Although the appearance of such a state is rare, the attempts to bring about a pleasurable feeling of intoxication are extremely common, including efforts to simulate a movement toward the climax, to imitate it, or simply install a permanent sense of anticipation through the continuum of a temporal process. Poised in expectation. Possible fulfillments are found in the redundancy of a serial safeguarding of that which has proven once, twice, to be the right way to the goal; its precise assembly and evident nature. The major high of being absolved is thus relocated in the many small highs of repetition, imitation, and wanting to hold tight and freeze. (Role models of these states are found everywhere, have many variants, and are not susceptible to crises.) Repetition and constancy are thus prerequisites and at the same time consequences of this exceptional state. Repetition and constancy are bed frame and mattress of our everyday life, and exactly here is where Andrea Witzmann turns her attention: to the framework conditions within which we steer towards the experience of a great high, or to those wrappings that we shed and gracefully leave behind like snakes shedding their skins.
(We, ourselves, are still somewhere else or are already there, but a great deal points to our coming and going).
sunmmersampler 2014
analoge prints - 100 x 134cm
text_ ulrike sladek    translation_ lisa rosenblatt